Was haben die Malediven und die Niederlande gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel. Und doch liegen beide Länder am Meer und gebietsweise unter dem Meeresspiegel. Das bedeutet, dass sie sich ernsthafte Gedanken über den Klimawandel und den damit verbundenen Anstieg des Meeresspiegels machen müssen. Die Holländer tun dies schon lange: Mit Deichen, Dämmen und Flutwehren ringen sie der Nordsee seit Jahrhunderten neues Land ab. In Zukunft wird das immer schwieriger. Für die nächsten hundert Jahre rechnen Experten mit einem Anstieg des Meeresspiegels um ein bis sechs Meter. Hinzu kommt, dass auch eine „Flut von hinten“ droht: Auch die Flüssen führen mehr Wasser.

Daher reagiert die Regierung jetzt mit einer neuen Gewässerpolitik: Das Wasser wird nicht mehr als Feind betrachtet, sondern man will lernen, mit dem Wasser zu leben. Daher wird ihm durch Überflutungsgebiete, künstliche Flussnebenarme und Notauffangbecken jetzt mehr Raum gegeben. Um dem wachsenden Bedarf an Wohnraum zu begegnen, wurde das sogenannte Waterwoningen oder auch Aquawohnen entwickelt. Das meint nicht in erster Linie das Wohnen auf Hausbooten, sondern schwimmende Häuser, Büros und sogar ganze Stadtviertel. Das Fundament der Gebäude besteht aus einer mit Styropor gefüllten Betonwanne. Mit Ringen sind sie an Pfählen befestigt, sodass sie sich zwar mit dem Meeresspiegel bewegen, aber nicht abtreiben können.

Eins der führenden Architekturbüros, das sich auf Aqua-Architektur spezialisiert hat, ist Waterstudio bei Den Haag. Das Büro um Chefarchitekt Koen Olthuis baut ausschließlich auf dem Wasser und plant derzeit den ersten auf dem Wasser treibenden Apartmentkomplex Europas: de Citadel. Aber auch international hat Olthuis schon Projekte realisiert – unter anderem mit der von ihm mitgegründeten Firma Dutch Docklands. Und hier kommen die Malediven ins Spiel:

Der Inselstaat, dessen Fläche zu 80 Prozent nur knapp einen Meter über dem Meeresspiegel liegt, ist stark vom Klimawandel bedroht. Die Regierung überlegte bereits, an anderer Stelle Land zu kaufen – bis Dutch Docklands ihnen versicherte, dass das nicht nötig sei. Der Präsident war überzeugt und gab den Bau einer komplett schwimmenden Ferienanlage in Auftrag. In einer Lagune entstehen gerade 185 luxuriöse Ferienhäuser, die durch Stege miteinander verbunden sind und so die Form einer Blume bilden: Das Projekt „Ocean Flower“.

Aber nicht nur auf den Malediven wird das Know-how der Niederländer in Anspruch genommen. Anfragen kommen aus Thailand, Vietnam, Australien oder den USA. Gerade in Städten wie New York oder New Orleans ist das Thema aktueller denn je. Olthuis prognostiziert derzeit, dass schon in wenigen Jahren Kirchen, Schulen und Sportplätze auf dem Wasser entstehen, dann immer größere Plattformen. Und wer weiß? Vielleicht werden wir in einigen hundert Jahren in komplett schwimmenden Städten wohnen.